Gefangen im Asylsystem

Gefangen im Asylsystem

Im November 2008 ist Judith Muba aus der Demokratischen Republik Kongo in die Schweiz geflohen. Seither wartet sie auf ihren Asylentscheid. Die Geschichte über ein Leben, das seit neun Jahren still zu stehen scheint. Und die Begegnung mit einer Frau, die die Hoffnung nicht aufgeben will.

Text: Jana Tálos, Bild: Matthias Käser

Ich hätte sie beinahe nicht erkannt, in dem blauen Jeanskleid, den weissen Turnschuhen, das Smartphone in der einen, die Tasche in der anderen Hand. Grösser hatte ich sie mir vorgestellt, und älter. Doch auf ihrer dunklen Haut ist keine einzige Falte zu erkennen. Die weit geschwungenen Ohrringe und der glitzernde Lipgloss erinnern eher an den Stil eines Teenagers, als an den einer Erwachsenen.

Doch es ist nicht nur ihr Aussehen, das irritiert. Es ist ihr Lächeln, ihre Haltung. Das gut gelaunte, «Ah, c’est vous, bonjour», mit dem unverkennbaren afrikanischen Akzent. Nichts davon verrät, was diese Frau durchgemacht hat. Die Verfolgung, die Flucht, die Heime. Und das ewige Warten. Das Warten auf das Stück Papier, auf dem steht:

Judith Muba, geb. in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo. Asylstatus anerkannt.

Neun Jahre ohne Gewissheit

Kennengelernt haben wir uns über meine Freundin Lia*. Sie arbeitet seit einigen Monaten wieder im Asylwesen, in einer der rund 30 Kollektivunterkünfte im Kanton Bern. «Da ist diese Frau», sagte sie, als wir uns an einem Samstagmorgen zum Kaffee trafen. Eine aus dem Kongo, sie habe sie vor etwa zehn Jahren in einem Asylheim in Biel kennengelernt. «Diese Woche stand sie plötzlich vor mir, als Bewohnerin der Unterkunft. Immer noch ohne definitiven Entscheid. Ist das zu glauben?» Ich runzelte die Stirn. Eine Frau, die nach so vielen Jahren immer noch auf ihren Asylentscheid wartet. Wie kann das sein?

«Je ne sais pas», sagt Judith Muba und schüttelt den Kopf. Unterdessen hat sie an einem der runden Tische im Foyer des Communication Centers Platz genommen und die Tasche auf den Boden gestellt.

Sie habe alles versucht. Beweise vorgelegt. Zeugenaussagen, Briefe, Dokumente. Doch die hätten ihr nicht geglaubt. Hätten ihr unterstellt, nur hier zu sein, um zu profitieren. «Aber das stimmt nicht!», sagt sie. Ihre Augen verengen sich. Das Lächeln von vorhin ist verschwunden. Sie sei nicht hier, weil ihr die Schweiz so gefällt. Oder weil sie im Kongo keine Zukunft gehabt hätte. «Ich bin hier, weil ich dachte, dass ich hier in Sicherheit bin. Dass dies ein Land des Rechts ist!» Doch man wolle sie hier nicht haben, sie lieber zurückschicken, als ihr glauben. «Aber ich kann nicht zurückgehen», sagt Muba. «Ich weiss nicht, was sie dann mit mir machen.»

Die falsche Seite gewählt

Zurückgehen heisst für Muba, zurück in die Demokratische Republik Kongo. Genauer gesagt, in die Hauptstadt Kinshasa, wo ihre Geschichte im Jahr 2008 ihren Anfang nimmt. Wie alt sie da war, will sie nicht öffentlich machen. Nur so viel: Sie war damals Studentin an der Universität Kinshasa, Pharmazie ihr Hauptfach. Aufgewachsen ist sie im Dorf Bankana, rund 120 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. «Mein Vater war ein Farmer, er hatte viele Ländereien», sagt sie. Nur deshalb hätten sie und ihre Brüder zur Schule gehen, das Abitur machen und später ein Studium an der Universität Kinshasa aufnehmen können.

«Wir hatten Geld», sagt sie. «Wir waren eine angesehene Familie.» Eigentlich hätte ihr also nichts im Weg stehen sollen, um im Kongo ein gutes Leben zu führen. Es sei denn, sie legt sich mit dem Präsidenten an. Und genau das tat Judith Muba. 2005 trat sie der UDPS bei, der Union pour la Démocratie et le Progrès Social, die grösste Oppositionspartei des Landes.

«Ich tat es, weil unser Präsident ein Verräter ist!», sagt sie, richtet sich auf und haut mit der flachen Hand auf den Tisch. Joseph Kabila, seit 2001 Präsident der Demokratischen Republik Kongo und Mitglied der Parti du Peuple pour la Reconstruction et la Démocratie (PPRD), sei gar kein Kongolese, sondern ein Ruander. Eine Behauptung, die sich im Kongo seit Jahren hält, von Kabila selbst jedoch stets abgestritten wird. «Er vertritt nicht die Interessen des Volkes», sagt Muba. Er verrate es.

Der Marsch des 30. Oktobers

Mit dieser Wut im Bauch engagierte sie sich zwischen 2005 und 2008 in der Partei. Strassenarbeit, Reden, kleinere Protestaktionen. Schon bald stieg sie zur Vizepräsidentin der Frauenbewegung in der jungen UDPS auf. Bis im Oktober 2008 der Moment kam, der für Judith Muba alles verändern sollte.

Im Osten des Landes tobten ruandische Rebellen, töteten alles, was ihnen in die Quere kam. «Kabila hat tatenlos zugeschaut», sagt Muba und haut erneut auf den Tisch. «Wir konnten das einfach nicht mehr hinnehmen.» In Kinshasa wollte sie zusammen mit einigen Mitstreitern einen Protestmarsch gegen Kabila organisieren. Der 30. Oktober sollte es sein. Die Planung verlief im Geheimen. «Das dachten wir zumindest. Doch dann haben sie uns geholt.»

Muba hält inne. Ihr Blick bleibt an der grauen Wand hinter mir hängen.

«Wer?», hacke ich nach.

«Die Leute des Präsidenten.» Jetzt blickt sie mir wieder ins Gesicht. 

Judith Muba: In unserer politischen Partei UDPS hatte es Verräter. Leute aus der Partei des Präsidenten. Vor dem 30. Oktober kamen die Polizisten dann zu uns, in unser Wohnheim und haben uns mitgenommen und ins Gefängnis gebracht. Wir wurden nicht verurteilt. In Afrika ist das immer so. Das ist kein Land des Rechts. Sie dürfen machen was sie wollen. Sie können Sie töten aber auch einfach einsperren.

Spione, Verrat, eine Festnahme mitten in der Nacht, und das alles ohne Anklage. Wie wahrscheinlich ist es, dass es tatsächlich so geschehen ist? Überprüfen lässt sich die Geschichte nicht. Fakt ist: Bereits 2004 hält die Schweizerische Flüchtlingshilfe in einem ihrer Gutachten fest, dass im Kongo des Öfteren Menschen «ohne Anklage, Zugang zu einem Rechtsbeistand und Verfahren zwischen wenigen Tagen bis hin zu Monaten und Jahren in diesem Gefängnis (Makala, Anm. der Red.) festgehalten» werden.

Verhüllt wie eine Muslimin

Muba verbringt einige Wochen im Gefängnis. Was genau man mit ihr gemacht hat, will sie nicht erzählen. «Ich kann das nicht, das ist zu hart für mich», sagt sie, schliesst die Augen und schüttelt langsam den Kopf. «Ich wusste nicht, was sie mit mir vorhatten. Sie hätten mich töten können.»

Doch Muba hatte Glück. Einige ihrer Nachbarn hatten mitbekommen, wie sie in dieser Nacht festgenommen wurde und informierten ihre Familie auf dem Land. «Mein Vater kannte einen Colonel, der im Gefängnis arbeitete», sagt Muba. Mit dem habe er einen Deal machen können, damit er seine Tochter aus dem Gefängnis holt. Obwohl die Flucht ohne Zwischenfall gelang, war Muba klar, dass sie nicht im Kongo bleiben konnte. Dass sie fliehen musste, um nicht gleich wieder eingesperrt zu werden.

«Bei meinen Eltern konnte ich nicht bleiben, ich wusste, dass sie da als erstes suchen würden», sagt Muba. Also habe ihr Vater einen Chinesen angeheuert, der ihr falsche Papiere ausstellte und einen Flug nach Frankreich buchte, wo sie ihre Flucht zuerst hinführte. «Ich musste mich verhüllen wie eine Muslimin, damit mich am Flughafen niemand erkennt», sagt sie. An dem Tag habe sie ihre Eltern zum letzten Mal gesehen. Bis heute hat sie keinen Kontakt mehr zu ihnen.

Unter Ottos Warenposten

Die Geschichte ihrer Flucht, ihrer Vergangenheit, ihrer politischen Karriere –als das hatte Judith Muba in den letzten neun Jahren immer wieder erzählt. Im Empfangs- und Verfahrenszentrum in Basel, in dem sie am 19. November 2008 ihren Asylantrag stellte. Dem damaligen Bundesamt für Migration, heute Staatssekretariat für Migration (SEM), wo sie 2009 ihre erste Anhörung hatte. Dem Bundesverwaltungsgericht (BVG), bei dem sie 2015 ihre Ausweisung anfocht.

Die Geschichte über das Leben, das sie führt, seit sie an diesem Tag im November mit dem Auto über die Schweizer Grenze fuhr und ihr ein anderer Chinese ihre richtigen Papier aushändigte, für die hat sich bisher niemand interessiert. Keiner wollte wissen, unter welchen Bedingungen sie lebt. Ob sie Freunde hat. Wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sie nach neun Jahren immer noch keine Gewissheit hat, ob sie in den Kongo zurück muss oder bleiben kann.

Judith Muba schüttelt den Kopf. «Für mich ist es, als würde mein Leben stillstehen.» Als käme sie einfach nicht mehr vom Fleck, obwohl sie seit ihrer Ankunft am 19. November 2008 in Basel schon so viele Male den Ort gewechselt hat. Anderthalb Wochen nach ihrem Asylantrag wurde sie in die Kollektivunterkunft in Biel verlegt, ins Untergeschoss von Ottos Warenposten, gleich gegenüber des Oberstufenzentrums Rittermatte. Dort lernte sie auch meine Freundin Lia kennen. «Es war wie im Bunker», sagt Muba und verzieht das Gesicht. 20 sich fremde Männer und Frauen in einem Massenlager unter dem Boden, ohne Tageslicht, ohne Beschäftigung. Acht Monate lang. «Das war schrecklich.»

Ausbildung, ja – Arbeit, nein

Dann endlich 2009, der Transfer nach Reconvilier. Weniger Leute, mehr Licht –aber immer noch keine Beschäftigung. Es war die Zeit, in der Muba ihre erste Ausbildung anfing. Als Putzkraft, ein Angebot der Unterkunft. «Ich musste etwas tun, damit ich nicht durchdrehe», sagt sie. Doch die Freude über eine Beschäftigung währte nicht lange. Sie durfte das Gelernte nicht anwenden. «Man sagte mir, ich hätte nicht das Recht, in der Schweiz zu arbeiten.» Nicht ohne anerkannten Asylstatus. «Sie müssen warten, haben sie gesagt. Haben Sie Geduld , Frau Muba.» Doch das hatte Muba nicht. Zuhause bleiben, nichts tun, sich auf den nächsten Tag vertrösten. «Es war hart», sagt sie immer wieder. «C’était dur.»

Doch es kam noch schlimmer. Im März 2010, anderthalb Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz, hielt sie den ersten Entscheid des BFM in den Händen. Asylantrag abgelehnt. «Ich habe es nicht verstanden», sagt Muba. Der Blick sinkt wieder auf die Tischplatte. «Ich war doch ehrlich, habe ihnen alles erzählt.» 

Judith Muba: Sie gingen in den Kongo und sahen meine Mutter, meinen Vater und meine Brüder. Sie haben alle bezeugt wer ich bin, und was ich durchgemacht habe. Sie fanden sogar meine Mitstudenten und auch sie haben meine Gesichte bezeugt. Wie ich angehalten wurde, sie haben alles bezeugt. Aber wie das so ist in diesem Land hier, hat man mir nicht geglaubt.

So schnell wollte Judith Muba jedoch nicht aufgeben. Mithilfe ihres Anwalts legte sie Rekurs ein – und erwirkte, dass ihre Geschichte erneut überprüft wurde.

Im November 2012 annullierte das SEM den Entscheid vom März 2010 und reiste in den Kongo, um die von Muba angegebenen Zeugen noch einmal zu befragen. Diese war unterdessen erneut transferiert worden. Nicht in eine Kollektivunterkunft wie bisher, sondern in eine Wohngemeinschaft in Moutier, wo sie sich zusammen mit zwei anderen Asylbewerberinnen die Wohnung teilte. «Das war besser», sagt sie. «Ich konnte mich endlich wieder zurückziehen, für mich sein.» Arbeiten durfte sie jedoch immer noch nicht.

Doch Judith Muba liess sich nicht unterkriegen. Auf eigene Faust, ohne Absprache mit Behörden oder Anwalt, begann sie 2010 erneut eine Ausbildung, dieses Mal als Pflegehelferin, ein Angebot des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). «Die 50 Franken Anmeldegebühr habe ich selbst bezahlt», sagt sie und zieht die Augenbrauen hoch. 50 Franken, zusammengespart von den 8 Franken, die ihr pro Tag für Essen, Kleidung und Körperpflege zur Verfügung stehen. Dazu kamen die Reisekosten nach Delémont, wo die Ausbildung stattfand. «Als ich es meiner Sozialarbeiterin erzählte, sagte sie: Wie bitte? Eigentlich dürften Sie das gar nicht!», sagt Muba und lacht auf. Dann wird das Gesicht wieder ernst. «Ich habe ihr gesagt, dass ich so nicht leben kann. Das hat sie verstanden.» Das BFM habe die Kosten des Kurses schliesslich übernommen.

Warten auf den Entscheid

In diesem Moment standen die Zeichen gut für Judith Muba. Zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte sie sich wieder erfüllt. Das Praktikum im Altersheim, der Kontakt mit den Menschen. «Ich habe die Ausbildung mit Bravour bestanden», sagt sie. Und hätte gerne weitergemacht. Doch sie wusste, dass das das nicht ging. Also fragte sie beim BFM an, ob sie weitermachen dürfe.Eine andere Ausbildung anfangen. «Das haben sie dann auch bewilligt. Ich durfte eine Ausbildung in einer Kinderkrippe machen.» Im Gegensatz zum Kurs der SRK dauerte diese Ausbildung rund sechs Monate. Dazu kamen vier Monate Praktikum. «Der Chef der Krippe wollte mich auch gleich anstellen, als ich mein Examen in der Tasche hatte», sagt Muba. Es ging nicht. Und das Warten bestimmte erneut ihren Alltag.

Im November 2015 erhielt Muba wieder einen Brief vom SEM. Asylantrag abgelehnt. Ausschaffung in die Wege geleitet. «Ich war fassungslos», sagt sie. Besonders über die Begründung. «Mein Vater hätte bei der zweiten Befragung nicht mehr bezeugen können, was ich ihnen erzählt habe.»  So steht es auch in einem späteren Urteil des BVG, bei dem sie den Entscheid des SEM anfocht. «Mein Vater hatte Angst, weil er die Frau von der Schweizer Botschaft für einen Spitzel Kabilas hielt», ist sich Muba sicher. Er habe nicht verraten wollen, dass er seiner Tochter zur Flucht verholfen hat.

«Er dachte, wenn er etwas sagt, wird er verhaftet.» Doch sie hatte nichts in der Hand, um das zu beweisen. Das BVG bestätigte im April 2016 den Beschluss des SEM. Die Ausschaffung schien Tatsache.

Der letzte Strohhalm

Doch Judith Muba wollte nicht aufgeben. Nicht nach so vielen Jahren, «nicht, nachdem ich so lange gewartet habe». Sie wechselte den Anwalt. Ein Kongolese, in Basel stationiert. «Ich brauchte einen anderen Blick auf das Ganze, jemanden, der meine Lage neu beurteilt», sagt sie. Unterdessen wurde sie von Moutier in eine Kollektivunterkunft verlegt. Dort sollte sie Monate später erneut auf Lia treffen.

Die Chance, dass ihr Entscheid revidiert wird, war gering, das wusste Muba. Dennoch suchte ihr Anwalt weiter nach Möglichkeiten – und fand Anfang 2017 den einen Strohhalm, an den sie sich bis heute klammert. Der Colonel, der sie damals aus dem Gefängnis freiliess und unterdessen selbst in Brazzaville (Hauptstadt der Republik Kongo) im Exil lebt, erklärte sich dazu bereit, in einer schriftlichen Zeugenaussage Mubas Geschichte zu bestätigen. Für den Entscheid des SEM spielte dieser neue Fakt keine Rolle. Das BVG anerkannte jedoch die neue Beweislage und hob den Ausschaffungsbeschluss am 28. März auf. «Jetzt heisst es wieder warten», sagt Muba und zieht die Schultern hoch. Wie lange, das konnte ihr bisher niemand sagen.

Judith Muba: Das ist wirklich hart, das ist nicht einfach. Das kann man doch nicht machen mit den Leuten. Und am Anfang ging es noch, als ich meine Ausbildung machte. Da dachte ich, doch es geht vorwärts. Doch dann ging es ein Jahr, zwei Jahre. Jetzt sind es bald zehn Jahre. Es ist immer das Gleiche. Es gibt keine Abwechslung. Man ist blockiert.

«Haben Sie noch Hoffnung?», frage ich abschliessend. Ihr Blick hängt wieder an der Wand. «Ganz ehrlich?», sagt sie. «Ich weiss nicht, was ich darauf antworten soll. 2012 hatte ich noch Hoffnung, ja. Aber jetzt? Ich denke, jetzt habe ich nur noch meinen Glauben.»

*Name von der Redaktion geändert.

Dieser Artikel ist am 24. November 2017 im Bieler Tagblatt erschienen.


Muba ist kein Einzelfall

Dass jemand Monate, wenn nicht Jahre auf seinen Asylentscheid wartet, ist in der Schweiz keine Seltenheit. Immer wieder gibt es Berichte, die auf das langwierige Prozedere und die Ungewissheit in den Kollektivunterkünften aufmerksam machen. Dass sich ein Entscheid jedoch über mehr als fünf Jahre hinzieht, wie im Fall von Judith Muba, das ist doch eher aussergewöhnlich, zumal von Seiten des Bundes immer wieder von schnelleren Asylverfahren gesprochen wird. Dass es aber vorkommt, wird vom Staatssekretariat für Migration (SEM) bestätigt: «Aktuell gibt es rund 100 Fälle, welche ein Asylgesuch von 2012 oder früher betreffen und aus verschiedenen Gründen noch hängig sind, respektive welche noch nicht abschliessend beurteilt wurden», heisst es auf Anfrage des BT.

Doch wie kann es soweit kommen? Das SEM verweist hier auf das Schweizerische Rechtssystem, in dem Asylbewerber je nach Ausgangslage immer wieder Anträge stellen können, um gefällte Entscheide der Vorinstanz (in diesem Fall des SEM) rückgängig zu machen. So kann das Bundesverwaltungsgericht bei Beschwerdeentscheiden einen Fall beliebig oft an das SEM zurückweisen, zum Beispiel weil weitere Tatsachen festgestellt werden müssen, um einen definitiven Entscheid zu fällen. «Eine Sache kann so mehrfach vor dem SEM und dem Bundesverwaltungsgericht vorgebracht werden.»

Dass sich die Dauer eines Asylverfahrens massgeblich auf die psychische Gesundheit der Flüchtlinge auswirken kann, wurde jüngst von einer Auswertung dreier Forscher der Universitäten Neuenburg und Genf bekräftigt. Die Tatsache, dass Asylsuchende bei einem ersten Negativentscheid nach Ablauf der Ausreisefrist nicht mehr arbeiten dürfen, verschlechtert deren Situation zusätzlich. Gleichzeitig erlischt nämlich auch der Anspruch auf Sozialhilfeleistungen. Bis zum Abschluss des Verfahrens erhalten sie nur noch Nothilfe. Das sind wie im Fall von Judith Muba acht Franken am Tag.

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