Bienen leben dieses Jahr gefährlich

Bienen leben dieses Jahr gefährlich

Der Bienenzüchterverein Apisuisse schlägt Alarm: Nie zuvor seien so viele durch Pestizide vergiftete Bienen gemeldet worden wie 2017. Auch im Seeland kommt es immer wieder zu Vergiftungen durch Spritzmittel. Doch selbst Imker halten ein Verbot für überflüssig.

Text: Jana Tálos, Bild: Matthias Käser/a

«Hohe Anzahl Bienenvergiftungen beunruhigt Imker», titelt der Dachverband der Schweizerischen Bienenzüchtervereine Apisuisse Anfang September in einer Pressemitteilung. Über 20 Verdachtsfälle aus der ganzen Schweiz seien in diesem Jahr bereits beim Bienengesundheitsdienst (BGD) gemeldet worden. In 13 Fällen konnte dieser nach- weisen, dass die Bienen durch Pflanzenschutzmittel vergiftet worden sind. «Das sind gut doppelt so viele wie im Durchschnitt in den Jahren zuvor», sagt Anja Ebener, Leiterin des BGD.

Geringe Schäden im Seeland

Besonders drastisch: In mehr als der Hälfte der Fälle sind die Vergiftungen auf bienengefährliche Neonicotinoide zurückzuführen. Dieser Wirkstoff-Typ wird in der Landwirtschaft zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. In der Blütezeit ist es zwar verboten neonicotinoidhaltige Pflanzenschutzmittel zu spritzen. «Es gibt aber immer wieder Bauern, welche die Mittel zu früh einsetzen oder vergessen, die blühenden Unterkulturen zu mähen», sagt Ebener.

Auch im Seeland, einem der grössten landwirtschaftlichen Anbaugebiete der Schweiz, kommen Neonicotinoide regelmässig zum Einsatz (das BT berichtete). Im Gemüsebau wird das Saatgut diverser Kohlarten und Salate damit behandelt, um sie etwa vor Blattläusen zu schützen. Die Obstbauern nutzen den Wirkstoff als Spritzmittel, um zum Beispiel die Kirschessigfliege zu bekämpfen.

In diesem Jahr wurden dem BGD zwar keine Fälle aus dem Seeland gemeldet. Es erstaunt aber nicht, dass es in den letzten Jahren auch hier immer wieder zu Bienenvergiftungen kam. Ein Fehlverhalten der Bauern ist jedoch nicht immer die Ursache. «Viele Vergiftungen ereignen sich auch vor oder nach der Blütezeit, wenn die Nahrung für die Bienen knapp ist», sagt Ernst Hämmerli, Vizepräsident des Vereins Seelandimker. In dieser Zeit würden viele Bauern Spritzmittel gegen Unkraut einsetzen, zum Beispiel sogenanntes Glyphosat.

«Gibt der Wald nicht genug her, werden die Bienen vom Geruch des Wirkstoffs angelockt», sagt Hämmerli. Ein grosses Bienensterben werde damit jedoch selten ausgelöst. «Meist sind ein paar Dutzend von Vergiftungen betroffen – der Rest des Volkes überlebt ohne grösseren Schaden.»

Verbot macht keinen Sinn

Dass den Bauern der Einsatz von Neonicotinoiden ganz verboten werden soll, um die Bienen zu retten, macht aus der Sicht Hämmerlis wenig Sinn, auch wenn dies derzeit viele Umweltorganisationen fordern (siehe Zweittext). «Wichtig ist, dass die Bauern die Spritzmittel erst abends einsetzen, wenn die Bienen nicht mehr fliegen», sagt er. Am Morgen würden sie den Stoff dann nicht mehr riechen und anderswo auf Nahrungssuche gehen.

Weiter müssten die Bauern ihre mit Pestiziden behandelten Äcker alle paar Jahre brach legen, sodass sich die Böden erholen können und die Bienen auf den dadurch entstehenden Grünflächen auch im Herbst noch genügend Nahrung finden. «Dies versuche ich den Landwirten auch immer wieder zu vermitteln», sagt Hämmerli. So stehe er in engem Kontakt mit den Bauern in der Umgebung seiner Bienenstöcke und habe vor einigen Wochen auch am Inser Gmüesfescht referiert. «Die meisten sind meinen Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen», sagt er. Es gebe aber auch immer wieder solche, die sich gegen den Bienenschutz sperren und jegliche Verantwortung von sich weisen.

Dieses Verhalten kennt auch Daniel Weber, Obstbauer und Präsident der Landwirtschaftlichen Organisation Seeland, jedoch von der anderen Seite: So komme es immer wieder vor, dass Imker die Schuld für ihre toten Bienen bei den Bauern und deren Pflanzenschutzmitteln suchen, obwohl vielleicht eine Krankheit für das Sterben verantwortlich war. Das bestätigt auch Hämmerli. «Im Grossen und Ganzen haben wir aber einen guten Austausch mit den Imkern», so Weber.

Die Seeländer Kirschenproduzenten unterstützen die Bienen zudem mit einer symbolischen Geste: So zahlen sie pro Kilo abgelieferte Kirschen einen Rappen in einen Bienenfonds. Ende Jahr werden so ungefähr 2000 Franken an die Imker in der Umgebung ausgezahlt. «Das ist zwar nicht viel, es zeigt jedoch die Wertschätzung von uns Bauern gegenüber den Imkern», sagt Weber.

Hoffen auf Klarheit

Die Bauern und Imker im Seeland setzen also auf Dialog und halten ein Totalverbot von Neonicotinoiden für überflüssig. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass es künftig in diesem Gebiet zu weiteren Bienenvergiftungen kommt. Das Risiko bleibt vorhanden, auch wenn sich alle Beteiligten Mühe geben.

Etwas reduziert werden könnte es jedoch durch das kantonale Pflanzenschutzprojekt, das Anfang 2017 angelaufen ist. Bauern die an dem Programm teilnehmen, verpflichten sich, für sechs Jahre auf alternative Pflanzenschutzmethoden zu setzen und grösstenteils auf Pestizide zu verzichten. Im Gegenzug werden sie dafür vom Kanton finanziell unterstützt.

Für die Schädlingsbekämpfung im Obstbau sieht das kantonale Pflanzenschutzprojekt etwa die Verwirrungstechnik als Alternative vor. Ihr Prinzip besteht darin, dass die Luft oberhalb einer Parzelle mit den Sexuallockstoffen der Schädlinge kontaminiert wird, sodass sich Weibchen und Männchen nicht mehr finden und fortpflanzen können. Laut Michael Gygax, Leiter der Fachstelle Pflanzenschutz des Kantons Bern, haben sich bisher 40 Betriebe aus dem Seeland für diese Methode angemeldet. Inwiefern sie die Pestizide tatsächlich ersetzen können, wird sich allerdings erst nach zwei bis drei Jahren zeigen.

Der Bienenzüchterverein Apisuisse hofft derweil auf den nationalen Aktionsplan zu Pflanzenschutzmitteln, gerade vom Bundesrat verabschiedet wurde. Dieser sieht nicht nur Alternativ-Methoden für den Pflanzenschutz, sondern auch ein Budget für eine intensivere Forschung zu Pestiziden vor. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, kann geklärt werden, wann der Einsatz von Pestiziden für die Bienen tatsächlich gefährlich ist. Damit wird auch klar, bei welchen Spritzmitteln ein Verbot wirklich Sinn macht – und bei welchen eine Absprache zwischen Imker und Bauer genügt.

Dieser Artikel ist am 23. September 2017 im Bieler Tagblatt erschienen.


EU prüft Totalverbot

Neonicotinoide gehören zu den effektivsten aber auch zu den umstrittensten Wirkstoffen, die in der Landwirtschaft zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden. Wissenschaftliche Studien wiesen in den letzten Jahren immer wieder darauf hin, dass damit nicht nur Schädlinge, sondern auch wichtige Bestäuber wie Honig- oder Wildbienen beeinträchtig werden können.

Die neonicotinoiden Wirkstoffe Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin sind deshalb seit 2013 sowohl in der EU als auch in der Schweiz mit einem Teilverbot belegt.

Die EU prüft derzeit, ob dieses Teilverbot in ein Totalverbot umgewandelt werden soll. Inwiefern der Entscheid auch in der Schweiz umgesetzt werden könnte, ist jedoch noch offen. Das Bundesamt für Landwirtschaft will zuerst abwarten, wie die Diskussion in Brüssel ausgeht.


Was tun bei Verdacht auf Bienenvergiftung?

  • Werden vor den Fluglöchern der Bienenstöcke tote Bienen aufgefunden, besteht der Verdacht, dass die Bienen vergiftet wurden.
  • In diesem Fall sollte der zuständige Bieneninspektor (im Kanton Bern den Veterinärdienst) angefordert sowie der Bienengesundheitsdienst (BGD) über die Hotline 0800 274 274 informiert werden.
  • Der Bieneninspektor schliesst eine allfällige Krankheit aus und entnimmt eine Bienenprobe für das Labor des BGD. 
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