«Man kann von einem Wunder sprechen»

«Man kann von einem Wunder sprechen»

Vor 25 Jahren stürzte in Lyss ein Helikopter auf das Dach der reformierten Kirche. Der Pilot war sofort tot, das Gebäude brannte komplett aus. Dass sonst niemand zu Schaden kam, ist alles andere als selbstverständlich.

Text: Jana Tálos, Bild: Heinz Hohl

2. September 1992, ein gewöhnlicher Mittwochnachmittag. Der Abwart des Lysser Altersheims steht auf dem Dach des Gebäudes. Plötzlich hört er von Süden her einen Helikopter kommen. Er dreht sich um, sieht ihn tief über den Häusern schweben und im Zick-Zack-Kurs auf ihn zukommen. «Kurz vor der Kirche hat es ihn dann plötzlich aufgestellt und regelrecht umgedreht», wird er später der Polizei erzählen.

In dieser Lage kracht der Helikopter nur wenige Sekunden später in das Dach der reformierten Kirche, die direkt gegenüber des Altersheims steht. «Dann gab es eine riesige Staubwolke», erzählt der Abwart an diesem Tag auch gegenüber dem BT, das den Absturz in der Ausgabe vom 3. September auf der Titelseite bringt. Erst rund ein bis zwei Minuten später sei das Feuer ausgebrochen. «Aber dann ging alles sehr schnell», so der Abwart weiter.

Rettet den Kirchturm

Ziemlich schnell ist an diesem Tag auch die Lysser Feuerwehr, die drei Minuten nach Ausbruch des Feuers vor Ort eintrifft. «Wir haben alle verfügbaren Kräfte mobilisiert», erzählt der Lysser Feuerwehrkommandant Heinz Hohl der BT-Reporterin vor Ort. Auch die Bieler Feuerwehr hat wird aufgeboten. Im Gegensatz zu Lyss verfügt sie über eine Hebebühne.

Als die Löschtruppe eintrifft, brennt das Kirchenschiff bereits lichterloh, da der Helikopter kurz nach dem Absturz darin explodiert. Also konzentriert sie sich auf die Rettung des Kirchturms, der zu diesem Zeitpunkt noch mehr oder weniger unbeschadet zu sein scheint. Dank der Hebebühne bekommen die Männer das Feuer bald unter Kontrolle. 40 Minuten später ist der Brand gelöscht – der 71-jährige Pilot des Helikopters kann jedoch nur noch tot geborgen werden. Auch vom Helikopter sind lediglich einzelne Trümmerteile übrig geblieben.

«Nicht auszudenken, wenn…»

Noch während der Löscharbeiten versammelt sich um die Kirche eine Menschenmenge, die auf das brennende Gebäude starrt. Viele der Anwesenden sind während des Absturzes in der näheren Umgebung unterwegs gewesen. Glücklicherweise ist niemand von den herumfliegenden Trümmerteilen getroffen worden. Auch das Altersheim ist gänzlich unbeschädigt.

«Nicht auszudenken, wenn sich jemand in der Kirche befunden hätte», zitiert die Reporterin aus dem Stimmengewirr rund um den Unfallort. Dies hätte durchaus der Fall sein können, wie Michael Schneider, der schon damals als Pfarrer in der reformierten Kirche Lyss tätig war, rückblickend dem BT erzählt. Ursprünglich hätte an diesem Tag nämlich eine Abdankung stattfinden sollen. Sie wurde jedoch verschoben. Um genau 14.40 Uhr, als der Helikopter ins Kirchenschiff krachte, hätte zudem ein Techniker die Mikrofonanlage testen sollen. Dieser verspätete sich jedoch. Und die Organistin, die üblicherweise um diese Zeit in der Kirche übte, musste unerwartet ihr Grosskind abholen, weil ihre Tochter krank wurde. «Man kann also durchaus von einem Wunder sprechen, dass damals niemand in der Kirche drin war», sagt Schneider.

Er selbst befindet sich zu dem Zeitpunkt in einem Konfirmationslager in der Toskana. «Als mich meine Tochter anrief und mir sagte, dass die Kirche brennt, konnte ich es zuerst gar nicht fassen», erinnert sich Schneider. Erst später, als er es seinen Schülern erzählt, wird ihm klar, was geschehen ist. «Ich kann mich noch gut erinnern, dass einer der Schüler fragte, ob denn die Kirche mit den Stühlen oder diejenige mit den Bänken abgebrannt sei», erzählt er. Die reformierte Kirche verfügt nämlich über zwei Kirchgebäude in Lyss. «Als ich ihm sagte, dass es die mit den Bänken sei, verzog er traurig das Gesicht», sagt Schneider. «Auf den Bänken habe man während des Gottesdienstes nämlich so wunderbar schlafen können.»

Vieles zunächst unklar

Der Zustand der Bänke ist für die Kirchgemeinde und die Behörden am Tag nach dem Absturz das geringste Problem. Vielmehr geht es darum, die wertvollen Stücke der Kirche zu retten, so etwa die Kanzel, die das Feuer beinahe schadlos überlebt hat. Der damalige Regierungsstatthalter des Amtsbezirks Aarberg, Gerhard Burri, leitet die Aktion. Wie gross der Schaden ist, kann er zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht sagen. «Aber mit Sicherheit werden es x Millionen sein.»

Ebenfalls unklar ist in diesen Tagen, warum der Helikopter überhaupt abgestürzt ist. Das Eidgenössische Büro für Flugunfalluntersuchung stellt jedoch bald schon die Vermutung auf, dass es wohl eher am Piloten als an der Maschine lag. Denn obwohl es sich bei dem 71-jährigen um einen erfahrenen Pilot handelte, kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Unwohlsein, ein Herzinfarkt oder eine kurze Absenz zum Absturz führte, wie der Untersuchungsleiter erklärt. Diese Vermutung wird zwei Jahre später im Abschlussbericht auch als Unfallursache angegeben, obwohl dies von der Rechtsmedizin nicht mit absoluter Sicherheit bestätigt werden kann.

Kirchgemeinde erinnert sich

Während sich die Behörden mit dem Unfallhergang beschäftigen, beginnt die Kirchgemeinde in der beschädigten Kirche mit den Aufräumarbeiten. Vieles ist zerstört, auch die Glocken im mehrheitlich verschont gebliebenen Kirchturm läuten nicht mehr. Die Uhr ist um 16 Uhr stehen geblieben.

Von Anfang an ist jedoch klar, dass die Kirche wieder aufgebaut werden muss, egal wie gross der Schaden ist. So kam es auch, dass sich die reformierte Kirchgemeinde Lyss am vergangenen Sonntag nach dem Gottesdienst eine Bilderschau in der «neuen» Kirche anschaute und sich an den Absturz vor 25 Jahren erinnerte. Pfarrerin Susanne Gloor hat den Anlass geleitet. «Ich war damals noch nicht hier, aber viele, die an der Veranstaltung teilnahmen, schon.» So habe ein Mann davon erzählt, wie er damals in die Kirche trat und der Boden von Zinn überflutet war, weil die Orgelpfeifen geschmolzen waren.

«Die Erinnerung an den Absturz hat sich bei vielen Lyssern eingeprägt», sagt auch Pfarrer Michael Schneider. Und so wird man sich wohl auch in 25 Jahren in der Kirche einfinden, um sich an den Absturz zu erinnern.

Dieser Artikel ist am 7. September 2017 im Bieler Tagblatt erschienen und Teil der Serie «Zeitreise».

Die Kommentare sind geschloßen.