Schamlos ausgenommen

Schamlos ausgenommen

Im vergangenen halben Jahr wurden in Biel zwei Senioren von ihren Putzfrauen oder deren Bekannten um mehrere 1000 Franken betrogen. Die Angehörigen erfuhren davon erst, als der Schaden bereits angerichtet war. Die Chancen auf Wiedergutmachung sind gering.

Text: Jana Tálos, Bild: Pixabay

Es ist der 27. Februar 2017. Tobias Albrecht* setzt sich an den Schreibtisch und öffnet sein E-Mail-Konto. Darin findet er ein Schreiben der Hausverwaltung seines Onkels, der im Bieler Madretsch-Quartier wohnt: «Ich habe mich gewundert, ob Sie vielleicht wissen, weshalb Ihr Onkel keinen Mietzins mehr bezahlt. Ist alles in Ordnung bei ihm?», fragt der Verwaltungsangestellte.

Albrecht greift zum Telefon und ruft seinen Onkel an. Dieser will ihm nicht so recht Auskunft geben, sagt, er wisse nicht, weshalb die Miete nicht überwiesen wurde. Also fordert Albrecht seine Kontoauszüge an und stösst darin sogleich auf ungewöhnliche Bewegungen: Zwischen Dezember 2016 und Januar 2017 wurden mehrere Male grössere Beträge abgehoben. Beträge, die in den vorangehenden Monaten nicht auftauchen: insgesamt 14 000 Franken in bar.

Immer wieder angepumpt

Nach mehrmaligem Nachhaken rückt der Onkel mit der Sprache raus. Er habe das Geld einer jungen Frau geliehen, die er im Dezember im Migros-Restaurant kennengelernt habe. «Mein Onkel ist pensioniert, alleinstehend und hat kaum soziale Kontakte», sagt Albrecht. Das habe dieser auch der Frau erzählt, woraufhin sie anbot, ihm gelegentlich im Haushalt zu helfen.

Es verging keine Woche, da pumpte die Frau den 77-Jährigen das erste Mal um Geld an. «Sie erzählte ihm, dass sie sofort 2000 Franken auftreiben müsse, weil sie sonst aus ihrer Wohnung geworfen werde», sagt Albrecht. Sein Onkel hatte Mitleid und willigte ein, ihr das Geld zu leihen. Zusammen gingen sie zur Bank, er hob das Geld ab und gab es ihr. Später erzählte sie ihm von weiteren Geldnöten, er gab ihr erneut mehrere 1000 Franken. Das Prozedere wiederholte sich Woche um Woche – gleichzeitig verrechnete sie ihm für jede Wäsche, jeden Einkauf und jede Putzaktion jeweils 50 Franken.

Tobias Albrecht kann kaum fassen, was sein Onkel ihm da erzählt. Er versucht, die Frau übers Handy zu erreichen und das Geld zurückzufordern. Sie antwortet nicht. Über einen Freund macht Albrecht ihre Adresse ausfindig. Er geht hin, klingelt. Sie öffnet nicht. Also geht Albrecht mit seinem Onkel zur Polizei, um die Frau anzuzeigen. Als die beiden auf dem Polizeiposten ankommen, klingelt Albrechts Telefon. Es ist die junge Frau. Er fordert sie auf, das Geld zurückzuzahlen, sagt, er würde sie sonst anzeigen. «Ihr Onkel und ich haben eine Vereinbarung», antwortet sie knapp. Es gebe keinen Grund für eine Anzeige. Von einer Vereinbarung will der Onkel jedoch nichts wissen. Er sei davon ausgegangen, dass sie ihm das Geld zurückzahle. Das erzählt er auch dem Polizisten, der später die Anzeige aufnimmt. Dieser verspricht, der Sache nachzugehen.

Die Kantonspolizei Bern  bestätigt, dass im März eine Meldung zu diesem Tatbestand eingegangen ist. «Die Ermittlungen dazu sind noch nicht abgeschlossen», sagt Mediensprecher Christoph Gnägi. Dass ältere Menschen häufig auf diese Weise um ihr Geld betrogen werden, kann er weder bestätigen noch dementieren, da die Fälle statistisch nicht nach Alter der Geschädigten oder Tatvorgehen ausgewiesen würden. «Es kommt sicher immer wieder vor – eine Häufung dieser Fälle konnten wir in letzter Zeit jedoch nicht feststellen», sagt er. Verbreiteter und bekannter sei hingegen der sogenannte Enkeltrick (siehe Zweittext). «Das einzige, was wir raten können, ist, Darlehen immer schriftlich festzuhalten, um im Falle einer Anzeige etwas in der Hand zu haben.»

Die Bankkarte benutzt

Doch Albrechts Onkel hat nichts Schriftliches – weder eine Quittung noch sonst ein Schreiben, das die Leihgaben bestätigen könnte. Die beiden machen sich keine grossen Hoffnungen, das Geld wiederzusehen.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Wenige Tage später entdeckt Albrecht auch auf dem Konto seines Vaters, dem Bruder des Onkels, Unregelmässigkeiten: Innerhalb eines Monats wurden diverse Einkäufe bei Manor getätigt und Gutscheine in der Kleiderboutique Metro bezogen – beides Läden, die der 83-Jährige seines Wissens noch nie in seinem Leben betreten hat.

Umgehend macht er ihn auf die Beträge aufmerksam, fragt, was er mit dem Geld gemacht habe. Dieser sagt, er habe noch nie bei Manor eingekauft, geschweige denn Gutscheine bei Metro bezogen. Ansonsten habe niemand auf das Konto Zugriff. Nur der Putzfrau habe er kürzlich einmal die Bankkarte gegeben, weil diese in Geldnot war und ihre Miete sonst nicht hätte bezahlen können.

Albrecht wird hellhörig. Geldnot? Miete? Er fragt genauer nach, will wissen, wie oft die Putzfrau in die Wohnung kommt. Irgendwann erwähnt der Vater eine zweite Frau, die ihn zusammen mit der Putzfrau zuhause besucht habe. «Dem Namen und der Beschreibung nach handelte es sich bei dieser zweiten Frau um dieselbe, die meinen Onkel ausgenommen hat», sagt Albrecht. Sofort klingeln bei ihm die Alarmglocken. Sind die beiden Frauen etwa als Duo unterwegs? Ziehen sie auch noch anderen Senioren schamlos das Geld aus der Tasche? Die Putzfrau streitet alles ab, sagt, sie habe die Bankkarte nur ein einziges Mal benutzt, um ihre Miete zu bezahlen. Trotzdem geht Albrecht mit seinem Vater zur Polizei und gibt erneut eine Anzeige auf. «Wir gehen davon aus, dass die eine jeweils mit der Bankkarte unterwegs war, während die andere bei meinem Vater putzte und ihn unterhielt», sagt er.

Nicht der einzige Fall

Mediensprecher Gnägi bestätigt in diesem Zusammenhang auch den Eingang einer zweiten Meldung bei der Kantonspolizei. Die Ermittlungen dazu seien ebenfalls noch im Gang. Laut Albrecht sind beide Fälle mittlerweile an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden. Dass er aber nicht der Erste ist, dessen Verwandte in Biel abgezockt wurden, erfährt er, als er die Geschichte in seinem Freundeskreis erzählt und sich Julia Beck* zu Wort meldet.

Nach dem Tod der Grosseltern habe ihre Familie festgestellt, dass das Rentenkonto ihrer Grossmutter systematisch geplündert worden ist. «In einem Familienalbum entdeckten wir einen alten Bankauszug», sagt sie. Darauf war zu sehen, dass von dem Konto während zwei Monaten jeden Tag 500 Franken abgehoben wurden. Sie hatten sofort die Putzfrau im Verdacht, zumal sie Zugriff auf die Bankkarte der Grossmutter gehabt haben könnte. «Für eine Anzeige reichte es aber nicht aus, die Bezüge lagen bereits weit zurück und wir hatten keine konkreten Beweise gegen die Frau.»

Die hat auch Albrechts Onkel nicht. Trotzdem muss er nun den Schaden ertragen sowie auch die Scham darüber, von dieser Frau ausgenommen worden zu sein. «Ich musste ihn mittlerweile der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) übergeben, weil er nun weder Geld für die Miete noch für die Krankenkasse aufbringen kann», sagt Albrecht. Für ihn ist klar: In Zukunft wird er bei seinen Angehörigen öfters nachfragen, ob bei ihnen finanziell alles in Ordnung sei. Diesen Rat will er mit seiner Geschichte auch an andere weitergeben. «Lasst es nicht so weit kommen. Es könnte jeden von uns treffen.»

*Namen von der Redaktion geändert

Wurden auch Sie oder Angehörige/Bekannte von Ihnen Opfer von Betrügereien? Melden Sie sich unter region@bielertagblatt.ch

Dieser Artikel ist am 10. August 2017 im Bieler Tagblatt erschienen


Der berüchtigte Enkeltrick

Ältere Menschen werden immer wieder Opfer von Betrügereien, weil sie in den Augen der Täter leichte Beute sind. Am bekanntesten ist dabei der Enkeltrick: Der Betrüger gibt sich am Telefon als Verwandter aus und stellt dabei Fragen wie «Rate mal, wer ich bin?» oder «Kennst Du mich noch?», um das Vertrauen des Opfers zu gewinnen und etwas über seine familiäre Situation zu erfahren. Dann erklärt er, dass er in einer finanziellen Notlage steckt und fordert das Opfer auf, Geld abzuheben und es einem Bekannten von ihm zu übergeben.

Zwischen Anfang Mai und Mitte Juni kam es im Kanton Bern zu 25 versuchten Enkeltrick-Betrügereien. Um nicht darauf hereinzufallen, rät die Polizei, immer misstrauisch gegenüber Personen zu sein, die sich am Telefon nicht mit Namen vorstellen wollen, sich aber als Verwandte ausgeben. Zudem sollten Betroffene nach dem Anruf Rücksprache mit Angehörigen nehmen und die Anrufe umgehend der Polizei melden. jat

Die Kommentare sind geschloßen.